[Rezi] Ihr ergebener Jack the Ripper


http://www.amazon.de/gp/product/B00KCXJZEM/ref%3Doh_d__o00_details_o00__i00?ie=UTF8&psc=1
 von Tanya R. Herig
290 S.
3,99€


Lange habe ich mit mir gerungen und mich gefragt, gibst du dem Buch 2 oder 3 Sterne. Ich hätte wirklich gerne mehr vergeben, aber ich muss ehrlich zu mir selbst und zu dem Buch sein. Mehr als zwei Sterne waren nicht drin, dafür waren es einfach zu viele Defizite.

Da ich nur ungern grundlos ** gebe enthält diese Rezi Teile des Inhalts und ist nicht spoilerfrei

Die Geschichte:

Ein Großteil der Geschichte ist eine Art langer Brief/innerer Monolog der Protagonistin Kate an ihre Tochter Edith. Es ist kein Tagebuchstil, weil es keine Daten/Tage gibt, Kate erzählt ihre Geschichte Jahre nach den brutalen Rippermorden.

Kate kommt vom Land in die große Stadt und schlüpft bei ihrer Cousine unter. Diese verdingt sich als Straßenverkäuferin/Teilzeitprostituirte auf den Straßen Whitechapels.
Die Rippermorde passieren und Kate packt die Neugierde.

Das Problem:

Jack the Ripper ist eine Steilvorlage. Er bietet unendlich viel Interpretationsspielraum.

Wir haben London, die viktorianische Zeit, eins der größten Mysterien der Kriminalgeschichte und eine junge Frau. Da kann man doch wirklich was drauß machen. Oder?

Leider gelingt es der Autorin nicht mich zu überzeugen. Kate ist nicht die Hobbydedektivin, die ich erwartet hatte. Sie recherchiert nicht und wenn sie es mal versucht sind ihre Versuche unfassbar diletantisch, dass man ganz Kapitel einfach komplett streichen könnte, ohne dass es für die Geschichte einen Unterschied machen würde z.B. der Besuch im Working House, oder die Episode beim Fleischer.

Für mich war Kates einzige Motiv Sensationsgier. Sie wollte sich mal so richtig dran aufgeilen und war neugierig. Ihre Rolle ist zu 99,5% passiv. Sie recherchiert nicht aktiv, sondern rennt passiv dem Ripper hinterher, was auf die Dauer betrachtet einfach nur frustrierend für mich als Leserin war.

Die Visionen:

Erschwerend kommt hinzu, dass Kate immer mal wieder Visionen von den Morden des Rippers hat. Ich bin ehrlich. Solche Plotteile in historischen Romanen sind mir einfach zu wieder. (Das mochte ich schon bei Sabine Eberts Hebammen-Büchern nicht und werde es auch nicht mögen) Kate sieht die Morde durch die Augen des Rippers. Das große WARUM, also ob diese Visionen auf einer übersinnlichen Fähigkeit, einer Art-Shining-Beziehung oder auf der Gabe der totalen Empathie (vgl. Hannibal) fußen, wird am Ende (wie vieles andere auch) nicht aufgeklärt. Was wieder ein großer Frustherd für mich war.

Die Problemprotagonistin:

Mein allergrößtes Problem, neben der stagnierenden Handlung, war Kate selbst.

Um es kurz zu machen: ich konnte sie nicht ausstehen.

Sie ist egoistisch, ich-bezogen, leichtsinnig, unbesonnen, hochnäsig, öfter mal mehr als schwer von Begriff, faul,  sensationsgeil und allen voran verflucht undankbar.

Nach fast 300 Seiten kann ich keine einzige positive Eigenschaft, und nicht einen liebenswerten Wesenzug an ihr entdecken.

>> Sie kriecht unangekündigt bei ihrer Cousine unter und hat nix besseres zu tun, als sie gleich mal ob ihrer Lebensweise zu verurteilen. "WAS du prostituirst dich ... shame on you"

>>Anstatt zu arbeiten verbringt sie lieber ihre Tage damit in Bars rumzuhocken, zu Anhörungen im Ripperfall zu gehen, sich ihren "Recherchen" zu widmen oder zu tagträumen. Liegt dabei ihrer Cousine auf der Tasche, wohnt mietfrei, profitiert von deren Verdienst und zwingt sie (als Extraesser) indirekt noch mehr zu Prostitution, die sie dann im Umkehrschluss wieder verurteilt ... aaaaaaaaaaaaaaaarghhh!

>>Draußen geht der Ripper um. Aber Kate rennt trotzdem Mitten in der Nacht durch Whitechapel, einfach weil ihr mal danach ist.  Und bekommt so zufällig den nächsten Mord mit. aaaaaaaaaaaaaaarghhh!

Gevatter Zufall:

Ein weiterer großer Minuspunkt sind die vielen Zufälle.
Fast alles baut auf Zufällen auf.

Kate rennt zufällig genau dahin, wo zufällig der nächste Mord passiert. Dann zieht sie bei ihrer Cousine aus und praktischer/zufälliger Weise stirbt genau an dem Tag die Mutter von ihrem Lover, und die Zwei können zusammenziehen. Aber sie haben kein Geld, zum Glück hält zufällig ein  komplett Fremder und schenkt Kate zufällig und aus heiterem Himmel eine große Summe Geld.

Am Anfang das Buches habe ich nichts gegen Zufälle, aber hier häufen sie sich, bis zum Ende hin, was wieder unfassbar frustrierend war. Viele der Zufälle waren einfach Deus-ex-Machina Lösungen der Autorin.

Schreibstil:

Der Schreibstil der Autorin war zu Anfang okay. Nicht überragend, aber lesbar.

Kate ist die Ich-Erzählerin und ihre Schilderungen sind von Anfang an einfach grässlich wertend. Ich mag keine wertenden Adjektive  in Büchern und dieser Armutstourismus im Bezug auf Slums, ist etwas das ich (genau wie Visionen auch) nicht ausstehen kann.

Kate ist eine Person, die von außen in den Mikrokosmos Whitechapel kommt, deshalb sind ihre Schilderungen, ihre Beschreibung und ihre Meinung von oben herab. Dieses Gefälle mag ich nicht, weil es nur Mitleid und entsetztes Kopfschütteln abzielt.

Im Laufe der Handlung, so hatte ich das Gefühl, wurde der Ton  immer flapsiger (Leseprobeneffekt?) und Kates Erzählstimme veränderte sich.

Recherche vs. Infodump:

Ich halte der Autorin zu Gute eine ordentliche Recherche durchgeführt zu haben.

Die Episoden in denen Kate ihre Tochter (und somit uns Leser) über die Rippermorde, die Opfer und den Tathergang aufklärt waren das Beste am ganzen Buch für mich.

Die sehr detailierten Beschreibungen sind auch vom Stil her besser (weil Kate selten wertet und eine annehmbare Erzählstimme hat.)

Dem gegenüber steht, dass diese Abschnitte im Grunde genommen nichts weiter als Infodump und de facto für die eigentliche Kernhandlung vollkommen unerheblich sind. Selbst ihn ihnen findet man noch ein Echo der Sensationsgier von Kate, wenn sie ihrer Tochter fast schon mit chirurgischem Feingefühl jedes noch so grausige Detail vorbetet.

Auch einige Episoden (ich führe mal wieder Kates Besuch im "Workinghouse" an.) waren IMO nur im Text, wegen dem "Flair". Für die Geschichte sind diese 10 Seiten absolut unerheblich, aber wir haben mal ein Workinghouse von Innen "gesehen" und über die Zustände den Kopf geschüttelt. ;)

Fazit:

Unterm strich betrachtet ist "ihr ergebener Jack the Ripper" genau so frustrierend wie die Rippermorde selbst.

Eine Geschichte einer passiven Heldin für die ich keine Empathie aufbauen konnte. Eine Geschichte gespickt von Zufällen und Wendungen und zu vielen Fragen die am Ende offen bleiben.

Ihr ergebener Jack the Ripper hat mich frustriert zurück gelassen und ich kann einfach nicht mehr als ** geben.

Schade
:(

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

[Rezension] Eisige Schwestern

[Montagsfrage] Kommentare

[Bookrant] Pakt des Blutes