[Rezi] der Klang der Lüge

http://www.dtv.de/special/liv_winterberg_der_klang_der_luege/1923/

von Liv Winterberg
DTV-Verlag
ISBN: 3423260181
401 S. 
14.99€

Inhalt:
  Sériol, 1308. Als die junge Alissende abgezehrt und verwahrlost das idyllische Pyrenäendorf erreicht, wird sie freundlich aufgenommen und erhält eine Anstellung als Magd. Dass ihre neuen Herren Katharer sind, wie viele andere Bewohner des Dorfes, bemerkt sie erst im Lauf der Zeit. Doch Glaubensfragen sind Alissende ohnehin gleichgültig, ein voller Bauch ist ihr wichtiger. Ihr Glück scheint vollkommen, als sie den Schäfer Simon kennenlernt und sich in ihn verliebt. Von seinem Sitz in Pamiers aus blickt Bischof Durand voll christlicher Sorge und Missfallen auf Sériol. Spione haben ihm zugetragen, dass dort eine »ketzerische« Ordination stattgefunden habe. Fest entschlossen, das Dorf von denen, die vom wahren Glauben abgefallen sind, zu säubern, lässt er alle Verdächtigen festnehmen. Zurück bleiben die Kinder und Alissende, die sich nun nicht mehr heraushalten kann und will … 

Meinung

 
Mit der Klang der lüge wollte Liv Winterberg uns in die Welt der Katharer und der innerchristlichen Religionskonflikte entführen.
Herausgekommen ist ein eher süß-saueres feel-good Buch, das mich so gar nicht fesseln konnte.

Fehlende Karten:

Das Buch wartet mit einem wunderbaren, sehr edlen Cover auf. Der Titel erhöht dargestellt, es gib in der Innenseite kleine Umschläge auf denen eine genauere Inhaltsbeschreibung, sowie im hinteren Teil ein Bild der Autorin gedruckt ist.

Außerdem ein überaus ausführliches Personenverzeichnis am Anfang und ein Glossar der Fachbegriffe am Ende des Buches.

Was allerdings fehlt ist eine Karte der Umgebung. Die Personen des Buches wandern, laufen von Sériol nach Prades und zurück, aber ich hatte immer Probleme damit die Abstände und die Region als Ganzes bildlich vor Augen zu haben. Ich benutze selten Kartenwerk bei Büchern, aber hier ist es ganz klar ein Manko, dass keine Karte vorhanden ist.

Das größte Problem: Situation vs. Story ... welche Story?

Das Buch ist knappe 400 Seiten stark. Und jetzt, nach dem Beenden bleibt bei mir das Gefühl zurück, dass 300 dieser 400 Seiten Geplänkel waren.
Das größte Prolem für mich war, dass das komplette Buch nur eine Situation und keine Geschichte war.

Die Situation ist: Protagonistin landet in einem Ketzerdorf, dass von einem Bischhof bedroht wird und muss damit klar kommen.

400 Seiten und 3/4 davon waren Alltagsleben im Dorf. Alltagsproblemchen der Dorfbewohner. Querelen untereinander. Ein bisschen Herz-Schmerz-Schmusi-Busi und Huckelberry-Fin-Kinder-Abenteuer.

Seiten um Seiten und Kapitel um Kapitel verbringt der Leser damit Schafe zu scheren, Wäsche zu waschen, Brot zu backen, Holz zu hacken, Schnecken zu sammeln, Lavendel zu ernten, Kinder zu versorgen und so weiter, ohne das nennenswert viel passieren würde. Gewürzt wird das alles durch den obligatorischen rattenscharfen Landpfarrer, der seine Schäfchen gern mal "im Stehen" nimmt. Eifersüchteleien, Animositäten der Dorfbewohner untereinander, Gossip, ein bisschen Rumfummeln in der Schäferhütte und einer Prota deren einzig nennenswertes Talent ihr nie enden wollender Appetit ist. (sic.)

Im letzten 1/4 geht es dann um dei Katharer. Und um den Bischof, der einen echt sinistren Plan hat. Wobei der Herr Bischof ist eher die light Version eines Histo-Bösewichts.

Über weite Strecken plätschert die Handlung dahin. Wenn dann wirklich mal etwas passiert, wie Verhaftung, oder Feuer, ist es meißt schnell wieder vorbei. Ich war so in diesem Alltagstrott der Figuren gefangen, dass ich erst mal ein paar Seiten gebraucht hab, um auf Action umzuschalten und kaum wollte ich die Action genießen, ging es schon wieder um Wölfe und Kinder und Schnecken und Brot und Herzschmerz.

Sagen wir einfach: Vom Plot hatte ich mir etwas anderes erhofft, der Fokus der Autorin deckte sich nicht mit meinen Erwartungen.

Alle total nett und Kinder als POVs?

Mein persönliches Histo-Horror-Szenario ist, wenn alle total auf verständnisvoll und führsorglich machen. Und der Klang der Lüge schlägt genau in diese Kerbe.
Die Autorin hateine Atmosphäre geschaffen, in der ich als Leser wieder diese herzensguten, netten, gastfreundlichen, verständnissvollen, lieben Charaktere vorgesetzt bekomme, die ich doch jetzt bitte einfach gernhaben muss ...

Das fängt an bei Rixende. Der perfekten Omi, wie sie jeder gern häte. Die sich um alles und jeden kümmert und immer ein offenes Ohr hat. Super kochen kann. Altklug ist. Immer über die Herzensangelegenheiten aller weiß und jeden unter ihre Fittiche nimmt.

Wir haben Paul und Naudy und die ganze andere Rasselbande, die uns als POVs echt einheizen sollen, und zeigen, wie neunmalklug und altgescheit die Kids aus Sériol sind. Und wie toll sie alles auf dem Kasten haben.

Alissende, die endlich ihern schützenden Hafen und die Liebe ihres Lebens findet. Endlich ankommt und über sich hinaus wachsen muss, um ihr Stück vom Glück doch noch abzubekommen. 

Simon der wohl den mitunter tragischen Helden geben sollte. 

Und so weiter und so weiter und so weiter.

Ja das Buch ist auf eine weibliche Leserschaft zugeschnitten und es mag sicher Frauen geben, die diese gezuckerten Figuren brauchen, mir war das einfach mal wieder zu viel des allzuguten. Die FIguren gabem mir nichts. Sie hatten keine Ecken oder Kannten, sie waren wie Automaten und wirkten nicht echt auf mich.

Auch die Entscheidung einen Großteil der Handlung durch Paul und seine Freunde erzählen zu lassen, wollte mir nicht gefallen.

Ich wurde einfach das Gefühl nicht los, dass die Autorin einen Histo extra "für Frauen" schreiben wollte und deswegen eine nette, heimelige kleine Welt geschaffen hat, die nur durch einen bösen Schatten (den sie größtenteils nur punktuell andeutet, bis es eben nicht mehr geht und die Sache eskalieren muss) bedroht wird.

Für mich ist der Klang der Lüge ein Histo light, dessen Figuren mich nicht überzeugt haben, weil sie zu überzeichnet und white-washed sind.

Die Dialoge

Liv Winerberg hat insgesamt einen angenehmen Schreibstil. Manchmal versucht sie ihre doch sehr "nette" kleine Welt durch derbe Fäkalsätze etwas aufzulockern, aber nur weil sich mal wer "Eingeschissen" hat oder es eben nach "Scheiße" riecht, wird das Buch auch nicht authentischer.

Vor allem die Dialoge waren manchmal hart an der Grenze. Oftmals sehr hölzern und voller Infodumps.

Ich meine wer redet denn so (Beispiel nicht wortwörtlich aus dem Buch, aber vom Sinn her genau so)
"Ja dann musst du eben den Bayle fragen, wo dein Mann ist."
"Aber warum? Der Bayle ist doch nur dazu da die Pacht und den Zehnten einzutreiben, woher soll der wissen wo mein Mann ist?"

Ich bin immer noch der Auffassung, dass Fachbegrifflichkeiten sich entweder aus dem Kontext ergeben sollten, oder falls eben nicht der Leser in der Pflicht ist. Wenn es mich interessiert, was denn jetzt ein Bayle genau ist, dann soll ich das Glossar verwenden, interessiert es mich nicht, dann ist es eh egal. Aber solche Dialoge wie oben genannten mag ich nicht.

Und auf diese hölzerne Art werden immer wieder Informationen im Block an den Leser gebracht.
Was noch erschwerend hinzu kommt ist, dass auch in der wörtlichen Rede und den Dialogen das oben erwähnte feel-good ausgelebt wird. Und die handelnden Personen einfach manchmal komplett unhistorisch daherreden.

Fazit:

Der Klang der Lüge ist ein Schmöker. Ein Frauenhisto, der komplett auf das weibliche Publikum ausgerichtet ist.

Mich konnten weder die Figuren, noch die ziemlich dürftige Handlung überzeugen. Der Fokus beschränkt sich zu sehr auf dem (langweiligen) Alltag der Figuren, ihren Alltagsproblemen und Herzangelegenheiten.

Eher etwas für Schmökerfans, die es gern ruhig angehen lassen. Wer auf echtes Religionsdrama hofft könnte hier enttäuscht zurückgelassen werden.

2.5 Sterne, ich runde auf, auf drei ;)

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