[Rezi] Das Schloss der verlorenen Träume

von Eve de Castro
Bastei Lübbe
543 S. 
ISBN: 978-3-404-16979-5
9.99€
Inhalt: 
Versailles 1665: Vor den Toren von Paris soll der prachtvollste Palast Europas entstehen. Auf der riesigen Baustelle tummeln sich zwanzigtausend Menschen, die meisten von ihnen einfache Handlanger. Unermüdlich errichten sie Mauern, legen Gärten und Kanäle an, pudern Perücken und buckeln vor dem Adel. Für den Sonnenkönig sind sie Schatten, die einzig und allein seinem Ruhm zu dienen haben. Doch der gewitzte Brunnenbauer Batiste Le Jongleur und die hochbegabte Perückenmacherin Nine La Vienne setzen alles aufs Spiel, um aus diesem Schattendasein auszubrechen.
Meinung
Irgendwie fällt es mir schwer eine genau Meinung über dieses Buch zu formulieren. Ich sitze seit Tagen an dieser Rezi und weiß eigentlich nicht, was ich schreiben soll. Es ist wirklich selten, dass ich bei einem Buch keine klare Meinung formulieren kann. 

Das Schloss der verlorenen Träume ist m.M.n. mal wieder ein relativ irreführender Titel. Das französische Original heißt Le roi des ombres, also der König der Schatten, das wäre etwas treffender gewesen. Denn ich könnte mir vorstellen, dass die Kombination aus Titel + relativ vager Inhaltsangabe viele Leser auf die Idee bringen könnte, es wäre eher so ein ... ich nenns mal "Frauenhisto" im Stil von Petra Durst Benning oder (um der Liebe Gottes Willen) Iny Lorenz. Was er - zumindest über weite Strecken des Buches - nicht ist. 

Die Autorin hat für ihren Roman einen für dieses Genre sehr seltenen Erzählstil gewählt. Präsens + 3. Person. Der Roman ist eine Art langer Brief eines Arztes an  den Sohn eines verstorbenen Marquis dem er jahrelang treu gedient hat. 
Er schildet das Leben von Batiste le Jongleur, Nine la Vienne und das des Königs - Louis XIV - sowie dessen Bruder. 

Eve de Castro hat sich wirklich ins Zeug gelegt. Ich mag Worte wie "oppulent" oder "Sittengemälde"  nicht. Über weite Strecken war das Buch genau so, wie ich historische Romane liebe. Es war ehrlich, brutal, mitunter ziemlich ausschweifend und wer eher auf Geschichten und eine rasante Handlung Wert legt, könnte hier enttäuscht zurück gelassen werden. Das Buch zentriert sich sehr auf die Personen ihre Geschichte und Geschichte im allgemeinen. Denn der Erzähler nutzt jede sich ihm bietende Gelegenheit um seinen - noch recht jungen - Schüler über dies und das aufzuklären. Das können dann auch schon mal 15 Seiten über die Fronde oder zum Hollandfeldzug sein. Was nicht heißen soll, dass das Buch unspannend oder gar langweilig wäre. Man muss so etwas eben mögen.

In seiner Art ist das Buch brutal und schonungslos. Zartbesaitete Leser könnten beim Gedanken an heraushängendes Gedärm bei einer Geburt und vom Brand zerfressene Beinstümpfe - die sehr detailreich geschildert werden - vielleicht den Ekel bekommen. 
Die Autorin schafft es einfach den Barock komplett in das Buch zu packen, mit allen guten und allen schlechten Aspekten dieser Zeit. 

Die Figuren waren interessant gewählt. 
Das Buch zentriert sich zwar mehr auf Nine die, wie so viele andere Frauen in Histos auch, das tun will, was eigentlich nur Männer tun dürfen. Studieren. Ärztin sein. Und normalerweise ist das für mich ein no go in Histos, weil solche Emanzen nur dazu genutzt werden sie schnellstmöglich an den Mann zu bringen. Doch Nine und die Autorin konnten mich überzeugen. Denn Nine ist wirklich gut gelungen. Sie "tut nicht nur so" als ob (was ich vielen Damen in historischen Stoffen gern ankreide) sondern sie zieht ihre Pläne bis zum Ende durch. 

Von Batiste hatte ich zu wenig. Ich hätte gern den Fokus eher auf ihm gehabt. Er ist einfach unmöglich, gerissen, verschlagen und durch und durch skrupellos. Aber - natürlich - mit einem weichen Kern. 

So, nach diesem ganzen Gelobhudel, warum fällt es mir so schwer etwas darüber zu schreiben?

Bis ca. Seite 400 war ich der festen Überzeugung mein neues Lieblingsbuch gefunden zu haben. Aber dann passiert etwas und die Story stürzt für mehrere Kapitel - für mich - komplett ab. Und ich war total fassungslos. 
Das soll jetzt nicht heißen, dass die Story per se schlecht wurde, aber es gibt einfach Dinge die ich nicht mehr lesen will. 

Ich hab kein Problem damit irgendwas über Gedärme zu lesen, oder Wundbrand oder Hinrichtungen, Folter. Alles kein Problem. 
Was ich aber nicht mehr lesen will - einfach weil alle Autorinnen im historischen Bereich dieses Thema bis zum Erbrechen ausgereizt haben - ist die andauernde, anhaltende und nicht enden wollende Vergewaltigung von Protagonisten. 

Ich will das nicht mehr lesen. Nicht aus dem Grunde, weil ich das emotional nicht auf die Reihe bekomme, oder weil ich in einer rosaroten Wölkchenwelt lebe, wo es nur Einhörner gibt die Regenboben pupsen. Nein. Ich hab einfach den Kanal voll davon. Wirklich bis zum Erbrechen voll davon. Und da soll mir niemand mit Argumtenen kommen wie "Ja war damals halt so" oder "Ja das ist Geschichte" oder "Das ist halt authentisch". 

Die Story stürzt für mich ab diesen Punkt in ein bodenloses Loch aus. "Oh komm schon!" und "Och Autor MUSS DAS jetzt auch noch sein? Wirklich?" 
Figuren die ich bis dahin wirklich bewundert habe werden - bei der Behandlung natürlich zurecht - zu einem Häufchen Elend und das zieht sich Seiten über Seiten. Ich hatte mir an dem Punkt wirklich überlegt ob ich nicht aufhören soll zu lesen, einfach wil mich das so genervt und ja ... angekotzt hat. 

Natürlich führt das ganze auch zu irgendwas und am Ende gibt es noch einen Tada!-Effekt aber dieser Teil des Buches hat es mir irgendwie total verdorben und mich wieder daran erinnert, warum ich in historischen Romanen Frauen lieber meide wie die Pest. 

Fazit: 

Wer gut recherchierte Romane liebt und auch vor ausschweifenden Erklärungen nicht zurückschreckt, ist mit "das Schloss der verlorenen Träume" bestens bedient. 

Fans von eher leichter histo Kost, könnten hier aber enttäuscht werden.


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